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Rezension: Gertie’s New Book for Better Sewing

Wie einige von Euch vielleicht gelesen haben, bin ich ausgebildete Modedesignerin und Damenschneiderin. Als solche kann ich natürlich Schnittmuster selbst entwerfen und konstruieren, Schnitt ist sogar eine meiner größten Leidenschaften und war ein meiner besten Fächer in der Ausbildung neben der Bekleidungstechnik.

Allerdings habe ich durch mein eigenes Label, unter dem ich kleine Kollektionen in Kleinserien und Kundenaufträge in Einzelfertigung herstelle, wenig Zeit, für mich selbst etwas zu nähen. Daher greife ich für mich auch gern mal auf Kaufschnittmuster zurück (ich bin kein Freund von Freebooks), da ich dadurch

  • viel lerne und meinen Horizont erweitere – wie sind schnitttechnische Probleme in diesem Schnitt gelöst. Ist die Lösung besser als meine Variante, die ich genutzt hätte, gewesen wäre?
  • Original Schnitte aus den 30er, 40er oder 50er verwenden kann. Oftmals muss ich diese noch abwandeln, da damals nur Eingrößen- Schnitte verkauft wurden. Meine Größe ist oftmals leider nicht erhalten (oder wird nicht verkauf, wer weiß)

Gertie’s New Book for Better Sewing: A Modern Guide to Couture-style Sewing Using Basic Vintage Techniques

Ein sehr bekannter Blog, der sich ebenfalls dem Nähen von solchen Originalen verschrieben hat, ist Gertie’s New Blog for Better Sewing. Ursprünglich entstand dieser Blog als die Autorin sich vornahm, alle Modelle aus dem Vogue’s New Book for Better Sewing von 1952 nachnähen wollte – damals als blutige Nähanfängerin mit einigen Nähkursen. Mittlerweile ist Gertie’s 3. englischsprachiges Buch mit Schnittmustern erschienen, der Blog ist jedem in der „Vintage“- Nähszene und auch darüber hinaus bekannt, einige Schnittmusterverlage führen exklusive Gertieschnittmuster und inzwischen gibt es auch wunderschöne Stoffkollektionen mit Vintagemustern. Sogar meinem 6 Jährigem ist „Gertie“ ein Begriff, so dass die Stoffgiraffe seines kleinen Bruders nunmehr „Gertie“ (ausgesprochen „Görtie“) heißt.

Ich rezensiere heute das erste der 3 Nähbücher mit Schnittmustern, da dieses auch bereits auf Deutsch erschienen ist. Ich muss fairer Weise gestehen – ich habe das Buch nicht auf Deutsch, da ich die Anleitungen nicht wirklich benötige – mir ging es um die Schnittmuster und somit habe ich das Buch gebraucht erworben, als sich die Gelegenheit bot. Ich habe nämlich bei den Amazon Rezensionen zum deutschen Titel lange gezögert, ob ich dieses Buch kaufen sollte. Mittlerweile habe ich in einer Vintage-Nähgruppe einige Hilferufe von Besitzern der deutschsprachigen Ausgabe beantwortet – an einigen Stellen war dies der Übersetzung besonders der Größentabelle geschuldet, an einigen anderen wohl auch eine Kombination aus Hobbyschneiderin und Formulierung.

Ich beziehe mich in der Rezension daher hauptsächlich auf die Schnittmuster und ihre Passform – da dies mein Hauptaugenmerk des Buches ist und ich diese auf Grund meiner Ausbildung auch recht solide bewerten kann, nachdem ich mittlerweile 3 Stücke aus dem Buch selbst gefertigt habe.

Rock’a’bella: Schnitt für Schnitt zur selbst genähten Kollektion

Ok, zum deutschen Titel muss ich doch noch etwas sagen – denn ihn finde ich unglücklich gewählt und letztlich ist dieser Schuld, dass ich das Buch nicht in Deutsch im Regal stehen habe. Zunächst stolpert man beim Lesen gleich bei der eigentümlichen Schreibweise von Rockabella, die wohl an „Rock’n’Roll“ erinnern soll. Zu dem spricht mich Rockabella nicht vollständig an – hier erwarte ich hauptsächlich Tellerröcke und Swingkleider in Schwarz/Weiß/Rot mit Kirschen oder Polkadots – sprich „vintage inspired“ aber in einer eher limitierten Farbpalette und eher für Rockabilly- Festivals geeignet. Nach Lesen des Buches auf Englisch frage ich mich nun wirklich, wie man auf den Titel gekommen ist – wie oben erwähnt, ging auch der Blog und dieses darauf folgende Buch von der Liebe für Vintageschnitte und klassische Vintagemode aus. Ich fürchte, da hat jemand Frau Hirsch gesehen und sie auf Grund der Tattoos in eine Schublade gesteckt – schade. (Nichts gegen Rockabilly, ich selbst liebe diese Musik und gehe auch auf die Veranstaltungen – aber Vintage Mode und Nähen ist soviel mehr und daher ist es schade, wenn durch den Titel auf eine Teilgruppe der potentiellen Zielgruppe eingegrenzt wird).

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Bild: EMF Verlag

Den zweiten Teil des Titels „Schnitt für Schnitt zur selbst genähten Kollektion“ erfüllt das Buch meiner Meinung nach schon – im Prinzip enthält das Buch 10 Vintage- Grundschnitte – zu den meisten Modellen werden noch 1 oder 2 Abwandlungen vorgestellt, so dass insgesamt 25 Modelle in dem Buch vorgestellt werden. Liest man Rezensionen im Internet, weckt das Wort Kollektion wohl bei vielen (Hobby-) Schneiderinnen vielleicht zu hohe Erwartungen, denn es wird hier und da immer bemängelt, es seien ja nur 10 Schnitte, der Rest nur Variationen dieser Schnitte – da ich selbst Kollektionen entwickle, weiß ich, dass diese Vorgehen absolut üblich ist und störe mich daran daher nicht weiter. Im Gegenteil, ich sehe hierin sogar eine große Stärke des Buches, denn für mich sind es Grundschnitte, die ich einfach schnell für meine eigene Garderobe verwenden kann, indem ich sie entsprechend abändere. Abänderungen werden sogar ausführlich thematisiert und erklärt – nicht nur im Hinblick auf die enthaltenen Schnitte sondern auch für eventuell gekaufte Vintage-Schnittmuster (da diese ja immer als Eingrößenschnitt verkauft wurden, wird es relativ schwierig, die richtige Größe zu ergattern, also muss man sich eventuell zwangsläufig mit Schnittmusterabänderung beschäftigen).

Der Theorieteil des Buches gliedert sich in eine Einleitung (Sewing Retro), Vorbereitungen und Material (Prepping), grundlegende Techniken (essential techniques), spezielle Schneidertechniken (stabilizing and tailoring), Schnittmustererstellung (pattern making) und Fitting. Ich habe ihn kurz überflogen und finde ihn alles in allem sehr gelungen (ich habe schon deutlich schlechtere Erklärungen und Anleitungen für Hobbyschneider gesehen). Da ich aber vom Fach bin, kann ich leider nicht beurteilen, in wie weit ein blutiger Anfänger ohne jegliche Vorkenntnisse mit diesem doch umfangreichen Teil klar kommt – gerade, weil viele Handstiche erklärt werden und ich eigentlich die Erfahrung gemacht habe, dass Handstiche oftmals sehr in Vergessenheit geraten sind durch die modernen Maschinen. Besonders aber der Teil zur Stoffauswahl fand ich sehr schön zu lesen – ohne zu sehr in technische Details zu gehen gibt er einen schönen Überblick über geeignete Stoffe.

Praxistest: Die Schnitte

Nun zu den Schnitten – das eigentliche Herzstück. Bisher habe ich drei Schnittmuster dieses Buches genutzt, zwei für mich selbst, eins für eine Freundin. In der Beschreibung der Schnittmuster schreibt die Autorin ganz klar, dass sie variable Schnittmuster in Anlehnung an die Schnitte des Vogue’s New Book for Better Sewing erstellen wollte, die sich geübte Nährinnen selbst anpassen können und an denen Beginner solche Anpassungen an Hand der Beispiele des Buches selbst erlernen können. In der deutschen Übersetzung wurde offensichtlich ein Aufkleber auf dem Cover hinzugefügt, es handle sich um Originalschnitte – definitiv ist das ja laut der Aussage im Buch nicht der Fall, weckte aber natürlich bei einigen Käufern und Lesern falsche Erwartungen.

Positiv aufgefallen ist mir die Größentabelle – trotz Nutzen der englischsprachigen Version ist diese in Inch und Zentimetern angegeben – ich hatte mich innerlich auf Umrechnen eingestellt, was auch nicht weiter schlimm gewesen wäre. Wie im englischsprachigen Raum üblich sind in den Schnittmustern 1,5 cm Nahtzugabe enthalten – ich bin mir nicht sicher, ob das in der Übersetzung untergegangen ist oder schlichtweg von den deutschen Nähbeinchen überlesen wurde, da es bei uns eigentlich nicht üblich ist, dass die Nahtzugabe bereits enthalten ist, denn in meiner Vintage-Nähgruppe beschweren sich sehr viele, sie haben ein Schnitt ausprobiert und dieser sei rung 6 cm weiter als angegeben. Auch die Spiralbindung ist zum Arbeiten sehr praktikabel und sollte von anderen Verlagen für Handarbeitsbücher übernommen werden.

Als erstes habe ich mir den Bleistiftrock ausgesucht – mit Highwaist Formbund. Größentechnisch lag ich zu der Zeit knapp über einer amerikanischen 10, aber nicht genau mittig zwischen der 10 und der 12. Da mein Stoff einen Elasthananteil hatte, habe ich mich entschieden die 10 zu nehmen, auch vor dem Hintergrund, dass die letzten Schwangerschaftskilos zu dem Zeitpunkt noch drauf waren. Ich habe den Rock zunächst an Hüfte und Taille ausgemessen und die Weitenzugabe dort war weit genug für meine Maße. Im Bund saß der Rock damals noch etwas eng, was aber kein Problem war, da ich Miederstäbchen eingearbeitet habe. Heute sitzt er locker wie ein „normaler“ Bund, was mit der Verarbeitung mit Stäbchen aber wiederum nicht optimal ist, so dass ich ihn nochmal ändern werde – dies ist aber nicht das Problem des Schnittmusters.

Zweites Stück dazu war die Schluppenbluse, der ich noch ein Keyhole hinzugefügt habe. Diese sitzt recht locker und blusig, von daher war die Passform hier in jedem Fall in Ordnung – allerdings kann ich mir vorstellen, dass bei anderen die Abnäher eventuell nicht an der richtigen Stelle sitzen, denn normalerweise tun sie das bei mir nicht und ich muss etwas ändern.

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Da ich die beiden Stücke aus Restposten genäht habe, hatte ich keine Bedenken, die beiden Stücke direkt aus dem Originalstoff zuzuschneiden. Einen einfachen Bleistiftrock und eine locker sitzende Bluse bekommt man auch im Originalstoff noch gerettet, wenn etwas nicht sitzt.

Nie ohne Nesselmuster

Dann kam aber das Kleid für meine Freundin – hierfür habe ich das Sultry Sheath gewählt. Aus meiner Vintage- Nähgruppe war ich vorgewarnt, dass dieses Schnittmuster hier und da doch so einige Tücken hat und selten auf Anhieb sitzt – allerdings finde ich das bei dem Ausschnitt nicht weiter verwunderlich, selbst bei einem eigens angefertigen Maßschnitt kann man bei so etwas „gewagtem“ noch große Überraschungen erleben. Alles in allem habe ich den Schnitt schnell passformgenau hinbekommen – aber ich wusste ja, wo ich ausbessern muss, ein unerfahrener Anfänger stößt bei diesem Kleid eventuell schon an seine Grenzen.

Ich empfehle daher – je enger das fertige Stück am Körper sitzen soll, desto wichtiger ist bei den Schnitten im Buch ein ordentliches Nesselmuster vorab. Ich würde es sogar für jedes Kleidungsstück aus diesem Buch empfehlen. Hierfür empfiehlt sich beispielsweise der Nessel vom Möbelschweden oder ein anderer günstiger Baumwollstoff. Die vorgenommenen Abänderungen könnt ihr Euch auf dem Schnittmuster vermerken und dieses aufbewahren – denn da es sich um Grundschnitte handelt könnt ihr aus diesen Schnittmuster ja immer wieder neue Kreationen erstellen und habt immer gleich ein passendes, gut sitzendes Schnittmuster da. Auch wenn ich keine großen Probleme bei der Passform hatte, weder für mich noch für meine Freundin – die Erfahrungen mit der Passform anderer Hobbynäher weichen von meiner ein wenig ab. Wobei ich das auch von jedem Burda-, Vogue- oder Butterickschnittmuster sagen kann. Wenn es perfekt sitzen soll, sind immer kleine Änderungen nötig, aber letztendlich näht man ja genau aus diesem Grund seine Garderobe selbst, nicht wahr?

Am Sultry Sheath fällt aber noch etwas ins Auge – die Autorin ist nicht vom Fach bzw. hat sich ihr Wissen über Kurse und Bücher selbst angelernt. Das sieht man daran,  wenn die Abnäher vom Oberteil und vom Rockteil nicht auf einandertreffen, sondern deutlich versetzt sind (dem bin ich beim Kleid für meine Freundin aus dem Weg gegangen, indem ich keinen Bleistiftrock sondern einen ausgestellten Rockteil gewählt habe). Sicher ist das eine Gestaltungsfrage, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand vom Fach dies so gelöst hätte. Aber auch dies kann man über ein Nesselmuster gut lösen. Ich denke aber, da die Autorin auch selbst im Buch als Model alle Stücke vorstellt, dass es sich um Schnitte handelt, die für ihre Figur optimal angepasst sind und dann von Fachleuten in die anderen Konfektionsgrößen gradiert wurden – hieraus resultieren dann die größeren oder kleineren Passformprobleme und Ungenauigkeiten.

Ich finde das Buch trotz dieser Schwächen gelungen – jemand der komplett neu in der Materie ist sollte sich aber vielleicht erst einmal an Repro-Schnitten der Schnittmusterverlage (alte Schnitte neu aufgelegt) versuchen, um ein Gefühl für das Nähen von Vintage- Garderobe zu bekommen.

Ich werde in nicht allzu ferner Zukunft sicher noch das ein oder andere Stück aus diesem Buch nähen und hier vorstellen. Ebenfalls habe ich bereits das zweite Buch Gertie Sews Vintage Casual: A Modern Guide to Sportswear Styles of the 1940s and 1950s hier stehen, aus dem ich allerdings noch nichts nähen konnte – was sich aber definitiv demnächst ändern wird. Auch zu diesem Buch schreibe ich hier dann eine Rezension.

 

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